Kurz gesagt: Landrasse, IBL, F1, S1 und BX sind keine Qualitätsstufen. Sie beschreiben unterschiedliche Herkunfts- oder Zuchtsachverhalte und werden erst mit Eltern, Generation, Breeder-Definition und geprüftem Merkmal wirklich aussagekräftig.
Die Begriffe auf einen Blick
| Begriff | Belastbarer Kern | Nicht automatisch belegt |
|---|---|---|
| Landrasse | Lokal entstandene oder erhaltene Kulturpopulation mit eigener Herkunftsgeschichte | genetische „Reinheit“, Homozygotie oder Uniformität |
| IBL | Durch wiederholte Inzucht aufgebaute Linie mit hoher Homozygotie | pauschale Qualität, Gleichheit in jedem Merkmal oder Freiheit von Inzuchtdepression |
| F1 | Erste Filialgeneration einer definierten Kreuzung | Uniformität oder Heterosis allein aus dem Label |
| S1 | Erste Nachkommengeneration nach Selfing eines Ausgangsgenotyps | Klonkopie oder ein einziger garantierter Phäno |
| BX / BX1 | Rückkreuzung zu einem benannten Elternteil oder einer wiederkehrenden Elternlinie | Richtung, Elternidentität oder Merkmalsfixierung ohne Pedigree |
Landrasse: Herkunft statt Reinheitsstempel
Die FAO beschreibt eine Landrasse als frühe kultivierte Form, die im Allgemeinen aus einer heterogenen Mischung von Genotypen besteht. Populationsinterne Vielfalt widerspricht dem Begriff also nicht. Für eine konkrete Cannabislinie braucht es trotzdem eine nachvollziehbare Herkunfts- und Erhaltungsgeschichte. „Landrasse“ aus einem Produktnamen herauszulesen wäre keine solche Geschichte.
IBL: Linie mit Zuchtweg, kein Qualitätssiegel
Eine Inbred Line entsteht durch wiederholte Inzucht und zielt auf hohe Homozygotie. Wie viele Generationen ein Breeder für das Label voraussetzt, ist im Cannabismarkt jedoch nicht einheitlich. Auch eine weit fortgeschrittene Linie ist nicht automatisch in jedem Merkmal identisch oder „besser“. Bei normalerweise auskreuzenden Arten kann fortgesetzte Inzucht zudem Inzuchtdepression mitbringen.
Genetik-Nerdwissen: „Homozygot“ beschreibt Genorte, „stabil“ sollte ein benanntes Merkmal in einem dokumentierten Kontext beschreiben. Die beiden Wörter sind keine universellen Synonyme.
F1: zwei Zeichen, mehrere Marktsemantiken
Im allgemeinen Zuchtkontext ist F1 die erste Nachkommengeneration einer definierten Kreuzung. Agronomisch erwartbare Uniformität setzt weitgehend homozygote, klar definierte Eltern und ein passendes Testprogramm voraus. Eine aktuelle Cannabis-Proof-of-Concept-Studie zeigte uniformere F1-Linien nach einem aufwendigen Aufbau funktionell homozygoter Eltern. Sie beweist damit gerade nicht, dass jedes Handelslabel „F1“ denselben Prozess trägt.
Royal Queen Seeds definiert seine eigene F1-Hybrid-Linie als Kreuzung zweier reiner Inzuchtlinien und verbindet sie mit weitgehender Uniformität. Dutch Passion verwendet F1 breiter für die erste Generation gekreuzter Eltern. Das sind zwei breeder-eigene Bedeutungen. Keine darf still zur allgemeinen Marktdefinition erklärt werden.
S1: Selfing, nicht Kopieren
S1 bezeichnet die erste Nachkommengeneration nach Selbstbefruchtung eines Ausgangsgenotyps. Die Nachkommen sind keine vegetativen Kopien. Rekombination und Aufspaltung bleiben möglich; deshalb folgt aus S1 weder ein einziger Phäno noch eine fertig stabilisierte Linie.
BX: Zurück zu wem?
Bei einer Rückkreuzung wird ein Nachkomme wieder mit einem Elternteil oder einer wiederkehrenden Elternlinie gekreuzt. Ein BX-Label ohne Richtung bleibt unvollständig. Erst das Pedigree zeigt, welcher Elternteil zurückgeführt und welches Merkmal dabei verfolgt wurde.
Stabilität und Phänotyp sauber trennen
Ein Phänotyp ist die beobachtbare Merkmalsausprägung aus Genotyp und Umwelt. Derselbe Genotyp kann unter anderen Bedingungen anders aussehen; ähnlich aussehende Pflanzen müssen genetisch nicht identisch sein. „Stabil“ ist redaktionell nur hilfreich, wenn das Merkmal, die Generation, die Stichprobe und die Vergleichsbedingungen genannt werden. Ohne diesen Nenner bleibt es eine attribuierte Aussage des Herausgebers.
Fünf Fragen an jedes Genetiklabel
- Welche Eltern oder Ausgangslinien sind dokumentiert?
- Welcher Breeder und welche Edition verwenden den Begriff?
- Welcher konkrete Zuchtschritt ist gemeint?
- Wie viele Generationen und welche Selektion werden angegeben?
- Für welches Merkmal und welchen Nenner wurde Uniformität beobachtet?
Fehlt eine Antwort, bleibt genau dieser Teil offen. Der SeedDex kann den dokumentierten Stand zeigen; er darf die fehlende Herkunft nicht aus dem Namen rekonstruieren.